IX – Zum Pazifik

Nicht alle Blütenträume des Reisenden, der eine Omnibusreise von New Orleans durch die Staaten Texas, Neu-Mexiko, Arizona in den Grand Canyon Nationalpark und von dort einen Abstecher nach Salt Lake City zu den Mormonen, den „Heiligen der letzten Tage“, an den Salzsee, geplant hatte, reiften. In 45 Tagen kann man eben nicht alles haben, und darum mußte ich mich damit begnügen, einen Teil dieser Staaten im Fluge zu besichtigen, einem Fluge allerdings, der nur in der ersten Hälfte den Blick freigab auf unendliche Wüstenlandschaften, in denen ab und zu einige Öltürme sichtbar wurden und aus denen plötzlich wie ein gewaltiger Riese der El Capitan Peak, ein Berg von 2.500 Meter, herausragte und den Weg nach El Paso wies.

Hier, in dieser spanisch anmutenden Stadt an der Grenze von Mexiko, wurde noch einmal gelandet, und beim Betreten des Flughafens fiel auf, daß diese Menschen anders aussahen als die Amerikaner, die ich bisher kennengelernt hatte. Doch auch sie sprechen die gleiche Sprache wie die am Rio Grande, einem großen Fluß, den Bruce Low so schön besungen hat. Diese Melodie fiel mir ein, als sich unser Vogel wieder erhob und wegen einer ungeheuer großen Zahl von schwarzen und weißen Wolken in 10.000 bis 12.000 Meter Höhe nun Kurs auf Los Angeles am Pazifik nahm.

Dieser Anflug in abendlicher Stunde auf Los Angeles wird mit zu den unauslöschlichen Erlebnissen dieser Amerika-Reise gehören. Zweimal mußten wir auf diesem Flug die Uhren um je eine Stunde zurückstellen.

Es war um 6 Uhr, als das Flugzeug zur Landung ansetzte, und als die letzte schwarze Wolkendecke durchstoßen war, da öffnete sich dem Fluggast ein Bild märchenhafter Schönheit. Millionen und Abermillionen Lichter in allen Farben glitzerten und funkelten, als ob die Erde eine einzige Riesenflamme wäre. Soweit das Auge blicken konnte, soweit nahm es diese Pracht des Lichtes auf das Los Angeles an der Westküste Nord-Amerikas bei Nacht bestimmt zu einer der schönsten Städte macht. Nun denn, ist sie nicht die schönste, ganz sicher ist sie die raummäßig größte Stadt der Welt. Stunden um Stunden führte mich am andern Tage das Auto durch die Straßen, an der Küste von Santa Barbara nach Long Beach, und noch immer waren wir in Los Angeles, wo neun Monate im Jahr die Sonne scheint und kein Tropfen Regen fällt, in Los Angeles, wo drei Millionen Menschen leben, wo aber auch mehr als eine Million Autos registriert sind. Das Straßennetz ist großartig ausgebaut. Die verantwortlichen Männer scheuten sich nicht, drei oder vier Straßen übereinander zu bauen, aber doch bleibt der Verkehr eins der Hauptprobleme, und das zweite ist in diesen subtropischen Gefilden das Wasser, mit dem diese Stadt versorgt werden muß. Man ist gezwungen, es von weither aus den Rocky Mountains heranzuführen.

Neben großen Textilwerken ist Los Angeles durch seine Film-Industrie, die vor etwa 35 Jahren in dem Stadtteil Hollywood gegründet wurde, in der Welt bekannt. Mit Hollywood verbinden sich so unendlich viele Träume junger Mädchen und so viele Gedanken… Aber es ist nicht so, daß die Filmstars hier wie Orangen an den Bäumen wachsen und man bei jedem Griff einen der Großen von der Leinwand erwischt. Hollywood ist eine reine Geschäftsstadt, und das erste Studio steht längst nicht mehr. Bohrtürme und „Nicker“, wie wir sie in der Grafschaft kennen, sieht man zwischen dem Häusermeer. Aber bis Beverly Hills, dem Villen-Wohnort, in dem die Filmsterne unter Palmen und zwischen herrlichen Anlagen wohnen, mit ihnen aber auch viele andere Leute, die millionenfach die Dollars verdienten, ist es nicht weit. Auch manche prominente Deutsche, Schauspieler, Schriftsteller, so unter anderm Lion Feuchtwanger und Vicki Baum, haben hier ihre neue Heimat gefunden.

Die Metro-Goldwyn-Mayer-Produktion hatte mir eine Einladung geschickt und mit ihr gleichzeitig eine Taxe, die mich zunächst in das Hauptgebäude der Filmgesellschaft, die hier in den Studios 3.500 Menschen beschäftigt, führte. Ich bedauerte es nicht, daß meine Ankunft gerade mit der Lunchzeit zusammenfiel und ich die Einladung, im Restaurant der Gesellschaft mit dem Herrn, der mich durch die Studios begleiten sollte, zu essen, nicht ausschlagen konnte. Da saßen sie nun, die Stars und die Sternchen, die Beleuchter, die Regisseure, die Kameramänner und die kleinen Angestellten. Viele Namen wurden mir genannt, die einen großen Klang in der Filmwelt haben, und gerade am Nachbartisch verdrückten Robert Taylor, Jean Simmons und eine finnische Schauspielerin, Tina Elg [sic!], ihren Nachtisch, um sich für die Nachmittagsarbeit zu stärken. Manches fröhliche Wort fing von Tisch zu Tisch. „Wir sind hier wie eine Familie“, antwortete Herr Wayne, als ich ihn fragte, ob sich denn alle untereinander kennten. „Uns hat die gemeinsame Arbeit zusammengeführt, und wir wissen, daß bei einem Film der Atelier-Arbeiter, der Bühnenbildner, die Textbearbeiter, die Musiker, die kleine Tänzerin und die kleine Komparsin genau so wichtig sind, wie die Schauspieler und Schauspielerinnen. Wir können nur gute Filme machen, wenn alle mitarbeiten und alle mit Freude bei der Sache sind. Es herrscht schon eine Disziplin. Wer sich ihr nicht unterordnet, muß gehen!“ Darum also der familiäre Ton, die ausgesprochen nette Atmosphäre.

In dem riesigen Freigelände sind ganze Städte naturgetreu aufgebaut. „Aus Stein?“, frage ich. „Nein, aus Plastik, aber so massiv, daß wir auf den Treppen, auf den Balkons Aufnahmen machen können!“ „Dahinter?“, frage ich. „Nothing! New York, sehen Sie, das ist New York. Dieses typische  Straßenbild lassen wir stehen, die andern ändern wir immer. Sonst finden Sie nicht ein einziges Bild in zwei verschiedenen Filmen wieder.“ „Und was sollen die Drähte, die dort oben hängen?“, will ich wissen. „Wenn wir Nachtaufnahmen machen, dann wird dieser Stadtteil mit Tüchern, die wir über diese Drähte ziehen, verdunkelt“, ist die Erklärung. In anregendem Gespräch gehen wir an Schlössern vorüber, gehen durch Parks, durch künstliche Urwälder und fahren anschließend mit dem Bus und zu den – ich weiß nicht wieviel – Hallen zurück, in denen die Atelieraufnahmen gemacht werden. Vor einer von ihnen stehen zwei große Cadillacs; einer davon gehört Robert Taylor. Eine Szene wird soeben vorbereitet; lange Zeit nimmt die Ausleuchtung eines aufgebauten Wohnzimmers in Anspruch. Stellproben werden gemacht; hier wird verdunkelt, dort erhellt. Und wenn ich glaubte, nun geht’s los, fiel dem Aufnahmeleiter wieder irgendeine Unstimmigkeit auf. Nochmals Änderung! Die Schauspielerinnen und Schauspieler sehen derweilen zu, unterhielten sich mit allen möglichen Leuten, die Maskenbildner strichen noch einmal mit der Puderquaste über das Gesicht – und endlich, endlich traten sie auf den Plan, probten zwei-, dreimal – dann fiel die Klappe, und die Kamera surrte. Star-Allüren? Ich sah sie nicht und bemerkte sie nicht. „Das darf nicht sein“, sagte mein Begleiter zu mir, „und darum mußte Ihr O. W. Fischer auch in Hollywood scheitern“. Ein Unmaß von Arbeit steckt in einem Film, und in die Kostspieligkeit habe ich einen Einblick genommen.

Ins Gespräch vertieft – mein Führer hatte früher mit Willi Forst gefilmt und kennt viele berühmte deutsche Filmschauspieler und Filmschauspielerinnen – erreichen wir wieder sein Büro. Welchen Titel der Film trage, in dem die soeben gefilmte Szene vorkomme, ist meine letzte Frage. „Tip on a dead Jockey“ mit Robert Taylor, D. Malone, M. Dalio, G. Scala, J. Lord und P. Adams. Der deutsche Filmtitel stände noch nicht fest.

Das Auto bringt mich in die Stadt zurück, einem glücklichen Zufall verdanke ich es, daß ich den Abend des gleichen Tages in einer Villa in Beverly Hills verbringe bei einem der Dollar-Millionäre, die dort wohnen, der allerdings mit dem Film nichts zu tun hat. Er hat dank seiner Tüchtigkeit eine kaum glaubliche Karriere hinter sich. Es wurde ein hochinteressanter, reizender Abend in seinem Hause. Ich fürchte nicht, mir den Zorn dieses netten Ehepaares, das mich so gastfreundschaftlich aufnahm, zuzuziehen, wenn ich später einmal ausführlicher von ihm berichte, jedoch den Namen verschweige. Einer Nordhorner und einer Bentheimer Familie ist er aber sehr wohl bekannt.

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