IXX – Der Lebensstandard in den USA

Eine der vielen Fragen, die ich bei meinem Besuch in den Vereinigten Staaten immer wieder stellte und die mir besonders bei Betriebsbesichtigungen höchst aktuell schien, war die Frage nach dem Verdienst des Arbeitnehmers, des Industriearbeiters oder des Handwerkers. Ich rechnete natürlich gleich Dollars in Deutsche Mark um, wenn ich mich auf einem Gang durch die Geschäfte bewegte, durch die Stores und Drugstores und durch die Supermarkets und dabei den Blick auf die Preistafeln richtete. Gewöhnlich rechnet man den Dollar zu 4,80 DM, 1 Deutsche Mark verkaufte ich für 22 Cents. Das heißt also, man muß viele Mark haben, wenn man sich zum Beispiel ein Oberhemd, Strümpfe oder sonstige Bekleidungsstücke kaufen will. Es ist ein „Holz“weg, den man beschreitet; denn der Amerikaner verdient ja Dollars und bezahlt in Dollars. Wollte ich mir also ein Bild über den Lebensstandard in den Staaten machen, konnte ich nur die tatsächlichen Arbeitsaufwendungen für die Bestreitung des Lebensunterhaltes untersuchen. Statistiker haben mir die Arbeit abgenommen, aber was sie errechneten, fand ich überall bestätigt.

Also heißt es in einer mir überreichten Broschüre: „Thomas P. Brackett erfreut sich wie soviele der amerikanischen Industriearbeiter eines hohen Lebensstandards; er genießt bei Krankheitsfällen und Unfällen finanziellen Schutz, sein Lebensabend ist durch eine Sozialversicherung ausreichend gesichert.“ Die sozialen Einrichtungen mögen sich von unseren unterscheiden – die amerikanische ist nicht so alt wie unsere -, aber im Endeffekt ist jeder Arbeitnehmer drüben an den Fortschritten der amerikanischen Industrie beteiligt. Zwei Drittel der etwa 40 Millionen Familien haben ein Jahreseinkommen zwischen 2.000 und 7.000 Dollars. Es gibt in den Staaten verhältnismäßig wenig vermögende und nur wenige besonders arme Menschen. Die große Mehrzahl lebt in durchweg günstigen Umständen bei einem normalen Einkommen. In früheren Berichten schrieb ich bereits, daß viele Frauen in den Familien zum Familienhaushalt beitragen, die Statistik sagt: in etwa zwei Drittel aller Familien. Sie arbeiten, um einen immer höheren Lebensstandard zu erreichen, aber auch mit dem Blick auf den Nachbarn, der sich ein zweites Auto kaufen konnte, auf die Nachbarin, die sich zwei neue Kleider im Monat gekauft hat. „Das müssen wir auch haben.“

„Einmal in der Woche gehen meine Familie und ich einkaufen. Das Warenhaus in unserer Stadt ist natürlich nur klein, aber es gibt doch alles, was eine Familie gebraucht. Nahrungsmittel werden grundsätzlich im Kühlladentisch aufbewahrt“.

Etwa 70 Prozent aller Familien wohnen in Kleinstädten und ländlichen Gebieten in Eigenheimen. 58 Prozent oder etwa 26 Millionen der nicht in der Landwirtschaft tätigen Familien besitzen ihr eigenes Haus oder ihre eigene Wohnung. Fast jeder also hat drüben Eigentum erworben und kann seinen Kindern auch oft eine gute Ausbildung geben. Wo es nicht reicht, die Kinder aber Ehrgeiz genug haben, nehmen diese Kinder eben Arbeit an und verdienen sich ihr Studium. Nebenher oder einige Stunden am Tage als Tellerwäscher oder als Fahrstuhlführer tätig zu sein, macht denen nichts aus. Man sieht sie oft, diese Werkstudenten, die jede freie Minute im Fahrstuhl zum Studium benutzen und dicke Bücher wälzen.

Für 12.000 bis 13.000 Dollar können sich also die Bracketts – das Familienoberhaupt arbeitet bei Ford in Detroit – ein zweigeschossiges Haus kaufen. Sie machen eine größere Anzahlung und leihen sich den Rest – 7.500 Dollar – zu einem mäßigen Zinssatz von der Bank. Die Rückzahlung des Kredits, für den die Bundesregierung die Bürgschaft übernimmt, erfolgt in monatlichen Ratenzahlungen von etwa 61,50 Dollar. In Holland — wo ich zufällig Augen- und Ohrenzeuge solcher Verkaufsverhandlungen wurde, lagen die Dinge genau so. Wie fast jede Familie drüben haben auch die Bracketts Telefon – auch die Kronemeyers, Mülders, Diekjacobs.

Das Amt für Arbeitsstatistik hat die Lebenshaltungskosten erforscht und eine vierküpfige Familie als Norm zugrundegelegt. Nach diesen Untersuchungen liegen die durchschnittlichen Lebenshaltungskosten für einfache Haushaltsführung bei 4.100-4.200 Dollar jährlich. Dieses erwähnte Institut gibt auch jährlich einen Preisindex für Verbrauchsgüter heraus, der alles enthält, was zur Beurteilung der Lebenshaltungskosten wichtig ist. Danach hatte bisher jeder mittlere amerikanische Haushalt selbstverständlich Anspruch auf Radioapparat, Fernsehempfänger, elektrische Nähmaschine, Kühlschrank, Staubsauger, Auto, auf Arzt, Zahnarzt und Krankenhausbehandlung, Arzneien, Friseur und Schönheitssalon. Heute erklärt dasselbe Amt die Angaben für unvollständig und rechnet zum Normalbedarf hinzu: elektrische Toaströster, tiefgekühlte Lebensmittel, vorpräparierte Säuglingsnahrung, Dauerwellenapparat zur Selbstanwendung und Versicherungsabschlüsse für Krankenhausbehandlung.

Alle Haushaltsgeräte erleichtern der Hausfrau, die meist ohne Hilfe ist, die Arbeit sehr. Ihr Haushaltsgeld streckt die amerikanische Hausfrau dadurch, daß sie günstige Sonderangebote in den „Supermarkets“ ausnutzt und die Preise in den Angeboten der Geschäfte in den Zeitungen vergleicht.

Die Häuser werden in den Staaten gewöhnlich mit Erdgas, Gas oder Öl beheizt, und in den meisten Häusern findet man eine voll- oder halbautomatische Waschanlage.

Die 40-Stunden-Woche ist in den meisten Betrieben der USA längst Wirklichkeit geworden. Zumeist werden an fünf Tagen in der Woche je acht Stunden gearbeitet, so daß der Sonnabend oder ein anderer Tag frei bleibt.

Im Jahre 1900 arbeiteten die Amerikaner in den Betrieben durchschnittlich 70 Stunden in der Woche, heute beträgt die reguläre Arbeitszeit 40 Stunden. Und während wir noch um die Einführung der 40-Stunden-Woche ringen, haben die amerikanischen Gewerkschaften bereits darauf hingewiesen, daß eine weitere Verkürzung der wöchentlichen Arbeitszeit auf 35 oder gar 30 Stunden (einige Berufszweige haben bereits eine 37- und 35stündige Arbeitszeit) angestrebt und Hauptgegenstand künftiger Tarifverhandlungen sein wird. Aber man weiß drüben, daß die Arbeitszeit nur in dem Maße verkürzt werden kann, wie die Produktivität zunimmt. Produktivität bedeutet Mehrerzeugung von Gütern, bedeutet damit gleichzeitig Verbilligung dieser Güter, und das wiederum bedeutet einen höheren Lebensstandard für alle.

Da die Amerikaner heute weniger Zeit brauchen, ihren Lebensunterhalt zu verdienen, haben sie mehr Zeit, ihr Leben zu nutzen. Dieses Freizeitproblem ist gelöst. Man hat ein „hobby“; man bastelt, verrichtet Arbeiten im Hause, man ist sein eigener Tischler und sein eigener Maler nach dem Grundsatz „do it yourself“ (das Problem „Schwarzarbeit“ gibt es nicht). Viele haben ein solches „hobby“, und diese Lieblingsbeschäftigung wird schon in der Schule gelehrt, denn die Schüler der High-School haben Möglichkeiten in der Schule, sich in allen Zweigen des Handwerks zu betätigen. In der Freizeit werden auch weiterbildende Kurse besucht, Vorträge und Versammlungen ebenso. Viele Ladies und Gentlemen sammeln alle möglichen Gegenstände – Briefmarken, Nippsachen, Holzarbeiten, Puppen, Autogramme, Münzen usw. – und sind vor allem auch sehr reiselustig. An den Wochenenden geht’s mit dem Auto aus den Städten auf das Land, an den Strand, in die Berge und an die Seen. Der zweiwöchige bezahlte Urlaub, auf den jeder Arbeitnehmer Anspruch hat, führt dann weiter ins Land hinein. 174 Nationalparks haben die Vereinigten Staaten, jährlich werden sie von Millionen und Abermillionen Menschen besucht. Eine andere Freizeitbeschäftigung ist Kegeln und Golf, und Golf ist kein Sport nur für wenige. Golfplätze gibt es überall, und sonnabends und sonntags herrscht auf ihnen Hochbetrieb. Gefischt wird mit Vorliebe, Filme werden gern besucht.

Doch zurück zur Familie Brackett. Das Einkommen ist nicht das niedrigste, aber auch nicht das  höchste. 1955 betrug das Durchschnittseinkommen der 52 Millionen Familien 5.520 Dollar. Der Durchschnittslohn in der Autoindustrie beträgt 2,10 Dollar, während zum Beispiel ein Maurer 3,40 Dollar pro Stunde verdient. Überstunden werden besonders gut bezahlt. Das Durchschnittseinkommen kann also mit 70 bis 80 Dollar angesetzt werden. Für Lohnempfänger ohne ausreichenden finanziellen Rückhalt ist längere Arbeitslosigkeit ein Unglück. Alle 48 Staaten zahlen zwar Arbeitslosenunterstützung, aber die Höhe und Dauer sind unterschiedlich. Im übrigen können die Industriearbeiter, und nicht nur sie, im Falle der Arbeitslosigkeit auf die Hilfe der starken Gewerkschaften, der „Unions„, rechnen.

Das ist das Haus von Robert Brown, eines Ziegeleiarbeiters, im Mittelwesten. 60 Dollar muß er monatlich für die Abtragung des Darlehns aufbringen.

Persönliche Freiheit aber auch hier den Arbeitnehmern und Arbeitgebern. Gefällt es einem nicht mehr in der Arbeitsstelle, ganz gleich aus welchen Gründen, oder kann man eine besser bezahlte Arbeit erhalten, wird gekündigt, und selbstverständlich achtet der „Boss“ die Gründe seines Mitarbeiters und gibt ihm die Papiere. Aber auch ihm ist es freigestellt, seine Arbeiter ohne Angaben von Gründen mit einem Schreiben zu entlassen.

Der allgemeine wirtschaftliche Aufschwung der USA hat den amerikanischen Bürgern Fortschritte verschiedener Art gebracht; sie gewinnen an wirtschaftlicher Sicherheit, die Arbeitsbedingungen werden laufend verbessert, ein höherer Unfallschutz wird gegeben, und sie haben, wie geschrieben, mehr Freizeit gewonnen. Die Leistungen sind erzielt worden – es wäre geradezu töricht, das nicht anzuerkennen – durch Wettbewerb und freie unternehmerische Tätigkeit, die natürlich von den Gewerkschaften maßgeblich beeinflußt wird, und ist ja auch so, daß viele Arbeitnehmer durch Aktienbesitz Miteigentümer der Industriebetriebe geworden sind. Die Angst vor dem Kommunismus, die ohne Zweifel in den Staaten vorhanden ist, blieb mir unerfindlich, wie mich die Frage des ersten Beamten bei der Einreise in die Staaten „Sind Sie Kommunist?“ etwas schockierte. Hat man aber in die amerikanischen Verhältnisse, die man immer im großen Zusammenhang sehen muß, „hineingerochen“, entschuldigt man auch das.

Im vergangenen Herbst unternahm Senator Russel B. Long eine Informationsreise in die Sowjetunion und hat seine Eindrücke jetzt in einem Bericht an den Außenpolitischen Ausschuß des Senats niedergelegt. Im einzelnen werden in diesem Bericht folgende Vergleichsziffern für den Erwerb bestimmter Konsumgüter angegeben: (Einige deutsche Vergleichszahlen liegen mir vor, die nach dem Bruttostundenverdienst errechnet wurden – wo sie nicht angeführt sind, kann sich leicht jeder selbst ausrechnen, wieviel Stunden er für Socken, Anzüge und dergl. mehr arbeiten muß).

Nahrungsmittel Moskau New York Bundesrepublik
1 Roggenbrot 11,5 minuten 6 Minuten 11,5 Minuten
1 Pfund Kartoffeln 7 Minuten 1½ Minuten 4 Minuten
1 Pfund Rindfleisch 117 Minuten 22 Minuten 71 Minuten
1 Pfund Butter 117 Minuten 22 Minuten 108 Minuten
1 Pfund Zucker 84 Minuten 3½ Minuten 19 Minuten
1 Liter Milch 42 Minuten 8 Minuten 13 Minuten
1 Dutzend Eier 108 Minuten 21 Minuten 84 Minuten
1 Unze Tee (28,3 g) 54 Minuten 2½ Minuten etwa 20 Minuten
Herrenkleidung      
1 Oberhemd (Baumwolle) 22 Stunden 1 Stunde  
1 Paar Socken (nylonverstärkt) 3 Stunden 18 Minuten  
1 Anzug (Wolle, einreihig) 47 Tage 3 Tage  
1 Mantel (Wolle) 42 Tage 3 Tage  
1 Paar Schuhe (schwarz, Boxcalf) 12 Tage 1 Tag  
Frauenkleidung      
1 Baumwollkleid 18 Stunden 2 Stunden  
1 Kostüm (Wolle) 22 Tage 21 Stunden  
1 Paar Schuhe (Leder) 8 Tage 5½ Stunden  
Andere Verbrauchsgüter      
1 St. Toilettenseife (90 g) 24 Minuten 3 Minuten  
1 Radiogerät (6 Röhren) 32 Tage 13 Stunden  
0,75 Liter Wodka 8 Stunden 2½ Stunden  
1 Unze Tabak (28,3 g) 9 Minuten 3½ Minuten  

Verhehlen läßt sich nicht, daß die Kaufkraft des Dollars allmählich sinkt, doch werden alle Anstrengungen gemacht, sie zu erhalten.

Und auch noch das: An neuer Kleidung kauft sich ein Durchschnittsarbeiter jedes Jahr einen Anzug, vier Hemden, zwei Hosen, fünf Stück Unterwäsche, einen Arbeitsanzug, ein Paar Schuhe, elf Paar Socken, sechs Taschentücher und Krawatten. Zu den Neuanschaffungen, die die Frau eines Durchschnittsarbeiters jedes Jahr macht, gehören ein Mantel oder eine Jacke, drei Kleider, ein Hut, acht Paar Strümpfe, zwei Paar Schuhe, eine Schürze, drei Stück Unterwäsche und ein Nachthemd (und wenn man nicht mit geschlossenen Augen sich die Auslagen der Geschäfte ansieht, scheinen die Nachthemden a la „baby doll“ sehr beliebt zu sein).

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.