XIII – Chikago, die windige Stadt – Rauhe Winde am Michigan-See – Was man nicht tun sollte

„Wissen Sie, wie wir Chikago auch nennen?“, fragte mich mein Nachbar, als sich unser DC 7-Flugschiff vom Staate Illinois dieser Stadt nähert und zur Landung ansetzt. Ich hatte früher als Junge die Geschichten von Al Capone gelesen und von den Gangstern, die während der Prohibition (Trockenlegung) eine Schreckensherrschaft führten, raubten und die vor allem zu schmuggeln verstanden wie keiner vor ihnen. Es bildeten sich Banden, die sich gegenseitige Kämpfe auf Leben und Tod lieferten, und in einem Vorort, der heute 600.000 Einwohner zählt, gab es kein Hotel, kein Absteigequartier, keinen Blumenladen, der nicht von Al Capone kontrolliert wurde. Man sagt, dieser Gangsterboß hätte weit über 150 Morde auf dem Gewissen. Als man ihn endlich hatte, wurde er wegen – Steuerhinterziehung angeklagt. Ich vermutete darum, der zweite Name dieser Stadt, nach der mein Reisebegleiter fragte, hinge mit dieser Geschichte zusammen. Er aber schüttelte den Kopf. „No, Mr. Bingham, „the windy city“ – die windige Stadt. Auch Sie werden die rauhen Winde in Chikago noch genug zu spüren bekommen!“ Na ja, gut – doch dachte ich noch nicht an Wind und Sturm, sondern erfreute mich noch des phantastisch schönen Bildes, das mir bei azurblauem Himmel beim Abflug von San Francisco geboten worden war. In niedriger Höhe flogen wir über die Stadt, die – wie ich schon früher schrieb – auf sieben Hügeln gebaut ist und einen großen Teil der Bucht von Frisco umschließt. Rasch erfaßte das Auge nochmals das „Goldene Tor„, durch das fast stündlich ein großer Ozeandampfer in den Hafen einfährt; es erblickt nochmals die riesenlange Brücke von Frisco nach Oakland, sah schnell das Cliff-Haus, das ich am Vortage besucht hatte und das unmittelbar auf einem Felsen am Pacifischen Ozean liegt — auf der anderen Seite die mächtigen Universitätsbauten von Berkley [sic!], in denen zur Zeit 17-18.000 Studenten aus allen Nationen der Welt studieren. Als ich in Berkley weilte, war es um die Mittagszeit. Die gepflegten Rasen waren die Ruheplätze der jungen Menschen beiderlei Geschlechts. Palmen und Eukalyptusbäume von riesiger Höhe spendeten den Ruhenden willkommenen Schatten. Es war sehr heiß, und es ist oft heiß in Berkley im Staate Californien. Das Herz schlägt einige Takte schneller, wenn ich an San Francisco denke.

Indessen ging der Flug weiter über Sacramento, der alten Stadt, von der die Goldgräber träumten. Reno im Staate Nevada liegt uns zu Füßen. Dort werden keine Steuern gezahlt. Die Stadt lebt von Spielsälen, Vergnügungslokalen aller Art, die von Touristen, besonders aber von Scheidungslustigen, die sechs Wochen irgendwie ihre Zeit vertreiben müssen, um in Reno geschieden werden zu können, bevölkert werden. In einigen Staaten sind die Scheidungen erschwert, leicht sind sie aber immer noch in Reno. Von Utah an sehen wir nur den Schnee auf den Bergen, der auch wie im benachbarten Staate Wyoming vor wenigen Tagen im Sturm über die Lande gebraust war und den Eisenbahn- wie auch den Autoverkehr völlig lahmgelegt hatte. Wir folgen den Spuren des Sturmes; soweit man es von oben aus festzustellen vermag, scheint das Klima dieser Staaten sehr rauh zu sein. Viele Wälder.

Mein Nachbar zur Rechten, ein Professor der Geschichte von der Berkley-Universität, der zur Taufe seiner Enkelin nach New York fliegt und anschließend einer Tagung der asiatischen Gesellschaft beiwohnen will, ist mein liebenswürdiger Reiseführer. Er zeigt mir die interessantesten Punkte der Landschaft unter uns und erklärt sie mir. Mit dem Auto wäre er zehn Tage unterwegs gewesen; unser Flugzeug, das in einer Stunde rund 400 Kilometer zurücklegt, schaffte die Strecke in zwölf Stunden. Dann könne er doch öfters seine in New York lebende Tochter besuchen, meine ich. Das könne er sich nur selten erlauben, antwortet er lächelnd, dafür seien seine Dollars doch reichlich knapp. Im Verlauf des weiteren Gesprächs wird mir wiederum bestätigt, daß der geistig Schaffende in Amerika schlecht bezahlt wird, jegliche Handarbeit, Handwerksarbeit und Arbeit in der Industrie jedoch gut. Der Tellerwäscher der Restaurants und ähnlicher Einrichtungen steht sich finanziell längst nicht am schlechtesten.

Tellerflach ist das Land in Nebraska. Eine endlose Ebene war vor uns ausgebreitet, als wir die Rocky Mountains überwunden hatten. Wie ein kleines Bächlein sah der Missouri aus. Weizen- und Maisanbaugebiete begleiteten uns bis Chikago, der windigen Stadt.

Und… es regnete, und es war tatsächlich windig in diesem Monstrum von Stadt, die am Michigan-See liegt und so prächtig anzuschauen ist. Es ist eine Stadt der Gegensätze. Gebäude aus Stahl und Glas ragen in den Himmel, doch unmittelbar dahinter findet man verfallene kleine Häuser. Breite Straßen mit eleganten Geschäften in Bauten, wie sie nur Amerika hervorbringen kann, werden von engen Straßen, in denen viel Dreck liegt, gekreuzt. Reichtum und Armut liegen dicht beieinander. Hochelegant angezogene Damen, gepflegt bis zum Ohrläppchen und mit Frisuren, die gerade von einem Haarformer gelegt zu sein scheinen, sind viel leuchtende Punkte in dem ansonsten undefinierbaren Völkergemisch, das durch die schönen und die schmutzigen Straßen drängt, durch Verkehrs-, Geschäfts- und enge Straßen, die auch noch immer wieder von Eisenbahnlinien gekreuzt werden. Chikago ist der größte Eisenbahnknotenpunkt dieses Kontinents, ein Koloß, der sehr vielen Menschen der Unterwelt Unterschlupf bietet und in dem heute noch Geldtransporte nur unter dem Schutze der Polizei mit schußbereitem Revolver durchgeführt werden.

Zwei Tage bin ich nun hier, eineinhalb werde ich noch bleiben. Ob die Zeit reicht, das Phänomen Chikago auch nur einigermaßen zu erfassen?

Wenn abends die Schatten fallen und das gleißende Licht der Reklame die Dunkelheit in die Schranken weist, dann liebe ich es wohl, in den 23. Stock meines Hotels zu fahren, dorthin, wo die Cocktail Lounge „Tip Top Tap“ liegt, die lauter kleine Tische hat und in dem kleine Tischlämpchen soviel Licht geben, daß man gerade sein Glas erkennen kann. Aber breite und große Fenster geben den Blick auf die abendliche Stadt frei. Die hohen Gebäude werden angestrahlt, die Gebäude, die klotzigen Reichtum verraten. Ich sehe auf die Straßen, in denen das Nachtleben Chikagos beginnt, in denen sich der Durchreisende wie der Farmer, der sein Schlachtvieh an die Schlachthäuser verkauft hat, amüsieren will, auf die Stadt, die die erste Atom-Kettenreaktion in einer ihrer Universitäten erlebt hat und die viele, viele Museen ihr eigen nennt. Und auf die Stadt, in der gerade ein Prozeß gegen eine Bande von Verbrechern durchgeführt wird, die die Prostituierten dieser windigen Stadt kontrollierten.

In der Atmosphäre von „Tip Top Tap“ kommt man leicht ins Grübeln, und ich bin oft geneigt, Vergleiche anzustellen zwischen uns, Europa und Nord-Amerika. Man sollte es aber nicht tun – Amerika ist Amerika, und Deutschland ist Deutschland.

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