IV – Von Washington nach Williamsburg

„Have a very good trip, Mr. Kip“, wünschten Dr. Johnston und seine Sekretärin Sandra Napier vom Governmental Affairs Institute, als ich mich nach achttägigem Aufenthalt in Washington von ihnen verabschiedete. Mit diesen beiden liebenswürdigen Menschen hatte ich mein weiteres Reiseprogramm durch die Staaten, die ja in Wirklichkeit einen Kontinent bilden, besprochen. Bei meinem Abschiedsbesuch wurden mir die Flugscheine und Eisenbahnkarten für die verschiedenen Strecken ausgehändigt – der „trip“ konnte beginnen.

„Haben Sie eine gute Reise“, wünschte gleichfalls mein schwarzer Taxichauffeur bei der Ankunft auf dem Omnibus-Bahnhof. Von hier aus ging die Fahrt über Richmond nach Williamsburg, einer wichtigen Stadt in der Geschichte der Vereinigten Staaten. In dieser Stadt sind die Anfänge des Unabhängigkeitskrieges zu suchen, und es ist mehr als eine Laune des Milliardärs John Rockefeller jr. gewesen, als er auf Vorschlag eines Pfarrers Williamsburg genau so wieder aufbauen ließ, wie es im 18. Jahrhundert ausgesehen hat. Gebäude und Gärten sind auf Grund der Angaben aller zu Rate gezogenen Forscher und Wissenschaftler in ihren ursprünglichen Zustand versetzt. Um dem oft so merkwürdig anmutenden romantischen Hang der sonst so nüchternen Amerikaner entgegenzukommen, sieht man in dem alten Williamsburg Kunsttischler, Silberschmied, Schuhmacher, Perückenmacher, Hufschmied, Drucker, Buchbinder und Kerzenmacher in der Gewandung des 18. Jahrhunderts mit den damals gebräuchlichen Werkzeugen hantieren. Williamsburg in dieser historischen Aufmachung ist darum ein Ziel vieler Amerikaner, die sich hier in die Tradition ihres Staates vertiefen. Ich lernte es an einem schönen Frühlingstag kennen.

Während der Autobus über die breiten Autobahnstraßen rollt, tauchen rechts und links „Motels“ auf, Gast- und Raststätten zugleich. Der Autofahrer braucht nicht einmal auszusteigen, wenn er einen Wunsch hat. Man beobachtet viele Freilichtkinos und auch kleine Häuser, die aussehen, als ob man sie von einem zum anderen Tag abbrechen und mitnehmen könnte. Auch nette kleine Orte in Bungalow-Art werden berührt. Während also die Räder des Omnibusses mich in jeder Sekunde in südlicher Richtung weiter und weiter von der Hauptstadt des Landes entfernen, eilen die Gedanken noch einmal zurück. Gern erinnere ich mich der ersten Tage des Aufenthalts in den Vereinigten Staaten.

Der Taxichauffeur, der mir so freundlich eine gute Reise gewünscht hatte, war nur einer der vielen schwarzen Bewohner Washingtons. 60 Prozent der 870.000 Köpfe zählenden Einwohnerschaft sind Angehörige der negroiden Rasse. Sie gehören fast zu 100 Prozent der Baptisten-Gemeinde an. In fast jedem Haus sind Neger zu finden, und in allen möglichen Berufen verdienen sie ihren Lebensunterhalt als Kellner, Hausdiener, Chauffeur, Platzanwärter, in zahlreichen Handwerksbetrieben. Doch ist es nicht selten, daß Angehörige der schwarzen Rasse – die verbissen um die Gleichberechtigung kämpfen, die sie vor dem Gesetz bereits haben – auch als kaufmännische Angestellte, als Beamte und als Freiberufliche (Ärzte, Rechtsanwälte und dergleichen) tätig sind. Ein Professor der Howard-Universität in Washington, die als Universität für die Neger gegründet wurde, sagte zu mir auf meine Frage, daß viele Weiße zwar Neger-Ärzte konsultieren, umgekehrt aber Neger sich kaum an weiße Ärzte wenden. Die Emanzipation setzte im ersten Weltkrieg ein, erhielt dann in der Abwehrschlacht in den Ardennen 1943 [sic!] einen entscheidenden Auftrieb, als hier Neger Seite an Seite mit Weißen kämpften. Seit diesem Zeitpunkt ist die Rassentrennung in der Armee aufgehoben. Ich sah selbst in der Ehren-Kompanie in Arlington beim Denkmal des „Unbekannten Soldaten“ inmitten der weißen auch farbige Soldaten, die sich nur in der Hautfarbe, jedoch nicht bei Gewehrgriffen und Exerzierschritten unterscheiden.

Warum man sich so lange gegen den gerneinsamen Schulbesuch gesträubt habe, wollte ich wissen. Der Professor, der hohes Ansehen genießt, der aber bis vor wenigen Jahren noch nicht mit seiner Frau das Mayflower-Hotel in Washington aufsuchen durfte, antwortete, daß man offenbar eine Rassenvermischung befürchte. Doch die weitere Frage, ob es überhaupt eine solche Rassenvermischung gäbe, ob überhaupt Ehen zwischen Weißen und Schwarzen vorkämen, verneinte er ebenso entschieden, wie es ein Rechtsanwalt verneinte, bei dem ich einige Tage später zum Abendessen eingeladen war. Gesetz und Praxis sind eben noch, zum wenigstens, was das Rassenproblem angeht, zweierlei! Bei dem Besuch einer Senior-High-School, übrigens einer sehr schönen Schule mit eigenem Stadion und eigenem Schwimmbad, beobachtete ich nur in den seltensten Fällen, daß Schwarze und Weiße auf einer Schulbank saßen. Meistens hatte man sich nach der Hautfarbe getrennt. Als auf unserm Weg nach Williamsburg in Richmond eine kleine Rastpause eingelegt wurde, stellte ich fest, daß in dem Restaurant, in dem ich zur Stärkung eine Tasse Kaffee trank, Toiletten für Weiße und Schwarze vorhanden waren. Auch die Erfrischungsräume auf dem Omnibusbahnhof, in denen Speisen und Getränke verabfolgt wurden, waren für die verschiedenen Rassen getrennt.

Das Problem „Onkel Toms Hütte“ scheint mir noch nicht geklärt. Es ist gewiß ein wichtiges Problem für Nordamerika, aber es dürfte noch nicht das wichtigste sein.

Gelöst dagegen haben anscheinend die Arnerikaner völlig das Zeitproblem. Es ist bewundernswert, wie sie die Zeit unter ihre Kontrolle gebracht haben. Die 40-Stunden-Woche ist bei ihnen längst eine Selbstverständlichkeit. Von montags bis freitags wird täglich von 8-12 und von 13-17 Uhr gearbeitet, und dann beginnt das verlängerte Wochenende. In einigen Berufen ist diese Arbeitszeit bereits unterschritten, und die Amerikaner sind, so scheint es, auf dem besten Wege zur 35- oder gar zur 30-Stunden-Woche. Nun beginnt natürlich die Diskussion: Was fängt man nur mit der Freizeit an? Einfach: der Yankee nimmt seine Familie, packt sie ins Auto und fährt ins Land hinein. Viele sind, wie ich mir habe sagen lassen, begeisterte Sportfischer. Jeder hat aber auch seine  Nebenbeschäftigung, eine Beschäftigung, die er schon meist auf der Schule kennen und lieben gelernt hat. Denn auf den Schulen gibt es Möglichkeiten, neben der eigentlichen wissenschaftlichen Arbeit z.B. irgendein Handwerk zu erlernen, sich den bildenden Künsten zu verschreiben oder eine Handfertigkeit sich zu eigen zu machen. Ich sah Schüler, die unmittelbar vor dem Abgang vom College stehen, an der Hobelbank stehen, Kunstschmiedearbeiten verrichten, sich an der Drehbank oder am Setzkasten beschäftigen. Die Mädel bilden sich neben ihren gewählten wissenschaftlichen Fächern in der Hausarbeit aus, lernen Krankenpflege, und viele vor allen Dingen Schreibmaschinenschreiben, Stenografie und die Bedienung der Büromaschinen. Die tägliche Turnstunde in zwei großen Hallen ist obligatorisch. Der Unterricht dauerte in der Schule, die ich besuchte, von 9-16 Uhr. Mittagessen wird für wenige Cents in der Schul-Cafeteria ausgegeben. Nach Beendigung des Unterrichts fährt der Schul-Omnibus vor und befördert die Kinder kostenlos nach Hause. Am anderen Morgen holt der Bus sie wieder ab. Der Schulbesuch ist kostenlos, selbst die Bücher werden von der Schule umsonst gestellt. Unterhalten wird die Schule von den Steuergeldern der Bürger; sie steht nicht unter Staatsaufsicht. Ein Schulausschuß, der von der Elternschaft gewählt wird, und ein Schulrat bestimmen ganz allein und stellen auch die Lehrer an. Im Verhältnis zu anderen Berufen sind die Lehrer einkommensmäßig nicht besonders gut gestellt. Jedoch hat Amerika einen hohen Geburtenüberschuß, und man muß sich auch hinsichtlich der Lehrerbesoldung Gedanken machen. Viel mehr Schulen werden entstehen, und so wird man sich auch um den Lehrernachwuchs bekümmern müssen. Dies Problem scheint mir viel ernster als die Rassenfrage.

Mit diesen Fragen beschäftigte sich keineswegs die kleine siebenjährige Deane, die Tochter des Washingtoner Rechtsanwalts, die zwei ihrer Puppen aus ihrer Spielecke geholt und in einen Raum gesetzt hatte, der – Wohn- und Eßzimmer zugleich – von mir betreten wurde, nachdem der Hausherr, Mr. Montgomery, mich zunächst nach der Autofahrt durch die eigentliche Haustür geleitet hatte. Die Puppen der Kleinen trugen in ihren Kunststoffhändchen ein kleines Plakat, worauf Deane ein „Welcome“ gemalt hatte. Sie wollte auf diese Weise den deutschen Gast ihres Vaters begrüßen. Mrs. Montgomery brachte gerade ihr zweites Kind, ein sieben Monate altes Baby, ins Bettchen – es war so, als ob man in irgendeinem deutschen Hause war. Unterdes nahmen Mr. Montgomery und ich einen „Drink“, und im angeregten Gespräch (einem Cocktail aus englisch, französisch und deutsch) verlief die Zeit, bis die Hausfrau das Essen gerichtet hatte. Meines Gastgebers „hobby“ war der Volkstanz. Kurze Zeit nach dem Essen befanden wir uns denn auch im Keller des Hauses, in dem ein Tanzraum geschaffen war und in dem mir jetzt die Übertragungsanlage die Melodien verriet, nach denen dieser Tanz ausgeführt wird. Soviel verstand ich: es handelte sich um eine Art Quadrille. Mr. Montgomerys Schallplattenrepertoire enthielt auch einige Songs, die auch bei uns in Deutschland bekannt geworden sind. Später führte mein freundlicher Gastgeber mir Farbddias vor, die er auf seinen vielen Ferienfahrten gemacht hatte und die besonders eindrucksvolle Bilder Amerikas zeigten. Dreimal zwei Wochen im Jahr mache er Ferien, erzählte mir der Hausherr, und die benutze er jedesmal zu Fahrten ins Land.

Ich sah keinen Arbeitsraum im Hause und fragte, ob es wohl vorkäme, daß er Arbeit mit nach Hause nehmen müsse und wieviel Stunden er wöchentlich etwa überhaupt zu arbeiten habe. Die Frage eins wurde mit „nein“ beantwortet, Frage zwo mit: 20 Stunden! Auf mein erstauntes Gesicht erklärte mir Mr. Montgomery: Ich hatte das Glück, die Geschäftsordnung des Kongresses mit ausarbeiten zu dürfen. In dieser Sache bin ich Experte. Viele, die vom Kongreß etwas wollen, kommen zu mir. Meine Ratschläge werden dann ganz gut honoriert. Mehr will ich gar nicht. Verdiente ich noch mehr, so würde die Steuer auch wieder mehr haben wollen. Aber es kommt häufiger vor, daß ich für eine Bearbeitung 10.000 Dollar erhalte!

Wir hörten und läsen in Deutschland soviel von Hollywood und von vielen Ehescheidungen in diesem Filmparadies. Wie es tatsächlich sei, wollte ich gern wissen. Nun, meinte mein Gastgeber, so schlimm ist es mit den Ehescheidungen der Stars gar nicht, aber da ihre Namen in der ganzen Welt bekannt sind, wird immer viel Staub aufgewirbelt, wenn tatsächlich Scheidungsgerüchte um Filmleute auftauchen. Aber es sei leider so, daß in den Staaten jede fünfte Ehe nach kurzer oder längerer Dauer scheitert. Die Gründe seien einmal darin zu suchen, daß man verhältnismäßig jung – oft genug mit 19, 18, ja sogar 17 Jahren – heirate, also dann, wenn die Menschen noch gar nicht reif zur Ehe sind. Zum andern ist wohl der Grund für das Auseinandergehen in der materiellen Lebenseinstellung zu suchen. Man will sich bei dem hohen Lebensstandard eben immer noch mehr leisten können. 50 Prozent aller in Washington verheirateten Frauen sind berufstätig. Diese Zahl stimmt bedenklich und ist kaum faßlich. Ehen, die im Kriege geschlossen wurden, sind weiterhin gefährdet. – Herzlich und freundlich wie der Empfang war auch der Abschied von Mr. und Mrs. Montgomery.

Man müßte ein besonderes Kapitel über das Fernsehen in Amerika schreiben. Als Deutscher kann man an der Art der Programmgestaltung keinen Geschmack finden. Rundfunk und Fernsehen befinden sich in Händen privater Gesellschaften. Unterhalten und finanziert müssen sie von der Großindustrie werden, d.h. von den Werbungtreibenden. Bei einem 10- bis 12-stündigen Programm kann das Fernsehen nicht immer auf höchster Stufe stehen. Doch die in kurzen Abständen eingeblendeten Werbefilme machen für unsere Begriffe auch das schönste Programm unerträglich. Ich sah eines Abends eine wirklich gute Aufführung vom „Romeo und Julia„, schauspielerisch von höchster Qualität, doch als nach der Szene, da Julia ihren Gifttrunk nimmt, eine Werbung für einen Staubsauger, dann eine für irgendeinen Kaffee, darauf für ein neues Farbfernsehgerät eingeblendet wurde, bevor die Handlung des Spiels weiterlief, war ich aus allen meinen Illusionen gerissen.

Im Verlaufe eines Gesprächs mit einem Ehepaar am Nachbartisch wurde ich von diesem gebeten, nachdem wir uns kurz unterhalten hatten, in Deutschland offen über die Staaten zu berichten. Ich habe bisher viel Gutes erlebt und erfahren, bin vieler Freundlichkeit und Freundschaft begegnet.  Auch die ersten Stunden in Williamsburg standen unter einem guten Stern, als ich nämlich in den Abendstunden in dieser historischen Kolonialstadt in der protestantisch-episkopalischen Briton-Parish-Church [sic!] das Orgelkonzert eines Meisters hörte. Auf dem Programm standen Bach und Händel. Besonders aber erfreut war ich, als ich aus berufenem Munde vernahm, daß drei Fünftel aller klassischen Kunst, die in Amerika geboten wird, deutsche Meisterwerke sind. Die Amerikaner lieben vor allem Beethoven.

Während diese Zeilen geschrieben werden, durchfahren viele, viele Autos den historischen Teil dieser Stadt. Selbst hier geht man nicht zu Fuß von einem Gebäude ins andere, obwohl die Entfernungen nicht groß sind. Die amerikanischen Freunde sind stolz auf ihre Tradition, auf ihre Vorväter, die ihnen die Unabhängigkeit erkämpften, und sie wollen den Ort, wo George Washington, Thomas Jefferson, Georg Mason, Patrick Henry und andere die Grundlagen ihres Staatenbundes legten, besichtigen. Die Verfassung von Virginia wurde in Williamsburg festgelegt; sie diente als Muster für die Verfassungen der meisten übrigen Staaten Nord-Amerikas, die sich zu den „Vereinigten Staaten“ zusammenschlossen.

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